Lutwinus

Ende des 7. Jahrhunderts – heute

Kloster Mettlach – Keimzelle des Ortes

Mettlach ist nicht um ein Kloster herum gewachsen – es ist aus ihm hervorgegangen. Dreizehn Jahrhunderte Geschichte, vom Eigenkloster eines fränkischen Adeligen bis zur Konzernzentrale von Villeroy & Boch.

belegt gut bezeugt wahrscheinlich gut begründet Überlieferung / Hypothese spätere Tradition oder unbewiesen

Ende des 7. Jahrhunderts

Die Gründung: ein Eigenkloster an der Saar

Am Anfang steht Liutwin, ein Angehöriger des fränkischen Hochadels an der oberen Saar. Auf eigenem Grund, auf einer Niederterrasse am Saarufer, stiftete er ein Kloster – ein Eigenkloster, das ihm und seiner Familie gehörte. belegt

Wann genau? Datierung schwankt

Das Sachbuch folgt der Neuen Deutschen Biographie und datiert die Gründung um 690. Andere Darstellungen nennen um 675/676. Sicher ist nur: Das Kloster entstand im späten 7. Jahrhundert, als Pippin der Mittlere seine Vormacht aufbaute.

Die Stiftung bestand aus zwei Teilen: einer Dionysiuskirche auf dem Bergrücken innerhalb der Saarschleife, die als Pfarrzentrum für sechs Ortschaften diente, und dem Mönchskloster am Fluss mit einer Doppelkirchenanlage, geweiht dem heiligen Petrus und Maria. Das Kloster lebte nach der Regel des heiligen Benedikt.

Die Reliquien des Pariser Märtyrerbischofs Dionysius, die Liutwin für seine Stiftung erhielt, zeigen seine Nähe zum Königshof. Die Legende vom Adler, der den schlafenden Jäger Liutwin vor der Sonne schützte, erklärt in späterer Erzählung, warum gerade hier gebaut wurde. Legende

Als Liutwin Bischof von Trier wurde, übergab er Mettlach der Trierer Kirche. Fortan waren die Trierer Bischöfe zugleich Äbte von Mettlach; vor Ort leitete ein Propst die Gemeinschaft. Liutwin selbst wurde nach seinem Tod (um 717/723) in Mettlach begraben.

8. – 9. Jahrhundert

Familienbesitz und Streit um das Erbe

Die Übergabe an Trier machte Mettlach nicht einfach zu Kirchengut. Für Liutwins Familie blieb es ihr Kloster – und genau das machte es konfliktträchtig.

  • Milo, Liutwins Sohn und Nachfolger in Trier, verteilte Kirchengut großzügig an Söhne und Gefolgsleute – Mettlach aber ließ er unangetastet.
  • Karl Martell stattete Krieger mit Kirchengut aus; auch Mettlach geriet in diese Verfügungen. Überlieferung
  • Um 757/768 brachte Lantbert, ein Verwandter Liutwins und Milos, Mettlach in seinen Besitz.
  • Nach Lantberts Tod beanspruchten seine Söhne das Kloster als väterliches Allod – als freies Familienerbe. Unter ihnen wird ein Guido (Wido) von Nantes genannt. Um 782 wies Karl der Große diese Ansprüche zurück und gab die Abtei dem Bistum Trier zurück.
  • Im 9. Jahrhundert soll Kaiser Lothar I. Guido I. von Spoleto mit dem Kloster ausgestattet haben. Überlieferung

Warum das wichtig ist wahrscheinlich

Der Streit um Mettlach ist eines der stärksten Indizien für die Kontinuität der Familie: Liutwin gründet das Kloster, Milo bewahrt es, Lantbert erhält es, dessen Söhne – darunter ein Wido aus dem Umfeld von Nantes – beanspruchen es, und ein Widone aus Spoleto wird damit ausgestattet. Das Kloster an der Saar verbindet so den Gründer mit den Widonen, die später Herzöge und Kaiser in Italien wurden.

10. Jahrhundert

Freie Abtwahl und Wallfahrt

Im 10. Jahrhundert erhielt Mettlach ein eigenes Gesicht. Erzbischof Ruotbert von Trier (931–956) gewährte den Mönchen die freie Abtwahl. Als erster Abt der Überlieferung gilt Ruotwich (um 940–977).

Ruotbert lenkte zudem eine Pfingstprozession nach Mettlach um und begründete damit die Lutwinus-Wallfahrt. Das Grab des Gründers wurde zum Ziel von Pilgern; die Miracula sancti Lutwini berichten von Heilungen. Aus dem Familienkloster wurde ein öffentlicher heiliger Ort.

In dieser Zeit entstand auch die erste ausführliche Lebensbeschreibung Liutwins, die Vita s. Liutwini prima. Für das Kloster war der heilige Stifter Legitimation, Prestige und Besitzbegründung zugleich.

um 990 – 994

Der Alte Turm

Um 990 ließ der aus Irland stammende Abt Lioffin (um 985/987–993) über dem Grab Liutwins eine achteckige Grabkirche errichten, die heute als „Alter Turm“ bekannt ist. belegt

  • Bauform: ein Oktogon von etwa 10,8 m Weite mit bis zu 2,60 m starken Mauern, gegliedert durch Nischen. Im Westen eine Vorhalle (wohl 11. Jahrhundert), im Osten ein zweigeschossiger Chor.
  • Doppelkirche: Das Untergeschoss war Lutwinus geweiht, das Obergeschoss trug einen Marienaltar.
  • Vorbild: Schon um 1070 wird der Bezug zur Aachener Pfalzkapelle Karls des Großen hergestellt – ein bemerkenswertes Echo, falls Liutwin tatsächlich dessen Urgroßvater war. Die Forschung sieht als nähere Vorbilder eher rheinische Nischenbauten wie St. Gereon in Köln.
  • Umbauten: 1247 Wendeltreppe, im 14. Jahrhundert gotische Fenster und Sternrippengewölbe, im 15. Jahrhundert Erhöhung und Zeltdach.

Der Alte Turm gilt als ältester erhaltener Sakralbau und ältestes aufrecht stehendes mittelalterliches Bauwerk des Saarlandes. Dreihundert Jahre nach Liutwins Tod war seine Erinnerung ein Monument wert.

Im Roman Fiktion

Unter diesem Turm beginnt im Jahr 2026 die Handlung von Lutwinus – Zwischen Schwert und Kreuz: Ein Spatenstich reißt ein Grab auf – und ein Geständnis, das ein Mönch 1076 in den Stein der Abtei gemeißelt haben soll.

11. – 16. Jahrhundert

Die Abtei im Mittelalter

Zwischen 1072 und 1078 verfasste Thiofrid von Echternach eine neue Vita s. Liutwini. Erzbischof Albero von Montreuil (1131–1152) verpflichtete 75 Pfarreien zur Wallfahrt nach Mettlach – ein Zeichen für die Bedeutung des Ortes im Erzbistum Trier. In den 1220er Jahren erwarb die Abtei eine Kreuzreliquie.

Die Abtei übte die Grundherrschaft über den größten Teil des heutigen Gemeindegebiets aus. Höfe, Abgaben, Mühlen, Wälder und Weinberge ernährten die Gemeinschaft – und banden die Menschen der Umgebung an das Kloster.

1468 führte Abt Arnold II. de Clivis Mettlach in die Bursfelder Kongregation, die bedeutendste benediktinische Reformbewegung des Spätmittelalters; die Abtei blieb bis zu deren Ende Mitglied. Abt Thilmann von Prüm (1479–1504) förderte die Wallfahrt und wirkte als Visitator auch in anderen Klöstern.

1722 – 1780

Der Barockbau

Im 18. Jahrhundert erfand sich die Abtei neu. 1722 wurde die alte Dionysiuskirche abgerissen. Ab 1728 entstanden unter Abt Ferdinand von Koeler († 1734) die barocken Abteigebäude, an denen der Baumeister Johann Bernhard Trabucco und der Architekt Christian Kretzschmar beteiligt waren. Die Giebel tragen die Jahreszahlen 1737 und 1771; um 1780 kam der Bau zum Erliegen.

Die prachtvolle Fassade an der Saar ist bis heute erhalten und prägt das Ortsbild. Von 1770 bis 1794 diente der Alte Turm als Pfarrkirche, nachdem die Johanneskirche wegen Baufälligkeit abgerissen worden war.

1792 – 1819

Revolution und Aufhebung

Mit den Revolutionskriegen kam das Ende. 1793/94 flohen die Mönche vor den französischen Truppen. Im Zuge der Säkularisation wurde das Kloster 1802 aufgehoben und französisches Nationaleigentum; zunächst erwarb der Trierer Papierfabrikant Leistenschneider das Anwesen. belegt

Die Gebäude verfielen. 1806–1809 wurde das Dachgebälk des Alten Turms als Baumaterial ausgebaut, 1819 die Abteikirche St. Peter abgerissen. Der Alte Turm blieb als einziger Rest der mittelalterlichen Kirchen stehen.

1809 – heute

Villeroy & Boch: aus der Abtei wird eine Fabrik

1809 erwarb Jean-François Boch die stark beschädigten Abteigebäude und richtete darin eine Steingutfabrik ein. belegt (Eine Quelle nennt 1801.) 1836 schloss sich das Unternehmen mit dem Betrieb von Nicolas Villeroy zu Villeroy & Boch zusammen. Die barocke Abtei ist bis heute Sitz der Hauptverwaltung.

Die Familie Boch bewahrte, was vom Mittelalter übrig war: Eugen von Boch ließ die Ruine des Alten Turms – 1841 waren Treppentürmchen und Teile des Obergeschosses eingestürzt – nach Beratung durch den Baumeister Karl August von Cohausen sichern statt abreißen. Schon 1826 hatte Karl Friedrich Schinkel den Turm besucht. 1842–1847 entstand nach Cohausens Plänen eine neue Lutwinuskirche, 1897–1905 die heutige Lutwinuskirche nach Plänen von Ludwig Becker.

1921 zerstörte ein Großbrand große Teile der Abtei, im Zweiten Weltkrieg wurde sie schwer beschädigt und jeweils wiederhergestellt. Zum tausendjährigen Jubiläum 1989/90 wurde der Alte Turm umfassend restauriert. Seit 2003 lebt die Lutwinus-Wallfahrt als Pfingstnovene wieder auf.

Ortsgeschichte

Keimzelle Mettlachs

Der Ort Mettlach entstand aus der Abtei heraus. Das Kloster war über ein Jahrtausend Grundherr, Arbeitgeber, Pfarrzentrum und Wallfahrtsziel; um seine Höfe und Kirchen wuchs die Siedlung. Der Name geht nach vorherrschender Deutung auf ein romano-keltisches Metallacum zurück – mittelalterliche Schreiber machten daraus die Abbatia Mediolacensis und verbanden sie mit einem „mittleren See“.

Auch nach dem Ende des Klosters blieb die Abtei das Zentrum: Als Fabrik von Villeroy & Boch machte sie Mettlach zum Industrieort von Weltruf. Seit 1976 führt die Gemeinde das Rosenwappen der Abtei als ihr eigenes Wappen.

um 690

Eigenkloster

Liutwins Stiftung auf eigenem Grund – Zentrum seiner Familie.

um 990

Wallfahrtsort

Grab des heiligen Lutwinus im Alten Turm, Ziel der Pfingstprozession.

1809

Industrieort

Boch macht die Abtei zur Fabrik – Mettlach wird zur Keramikstadt.

Übersicht

Chronik auf einen Blick

um 675/690Liutwin gründet das Eigenkloster St. Peter und Maria sowie die Dionysiuskirche.
um 705Liutwin, nun Bischof von Trier, übergibt Mettlach der Trierer Kirche.
um 717/723Tod Liutwins, Begräbnis in Mettlach.
757/768Lantbert bringt das Kloster in seinen Besitz.
um 782Karl der Große weist die Ansprüche von Lantberts Söhnen zurück.
9. Jh.Lothar I. stattet Guido I. von Spoleto mit dem Kloster aus (Überlieferung).
931–956Erzbischof Ruotbert: freie Abtwahl, Beginn der Wallfahrt.
um 940–977Ruotwich, erster überlieferter Abt.
um 990–994Abt Lioffin errichtet den Alten Turm als Grabkirche Liutwins.
1072–1078Thiofrid von Echternach schreibt die Vita s. Liutwini.
1131–1152Erzbischof Albero verpflichtet 75 Pfarreien zur Wallfahrt.
1468Anschluss an die Bursfelder Kongregation.
1728–1780Barocke Abteigebäude (Koeler, Trabucco, Kretzschmar).
1793/94Flucht der Mönche vor den Revolutionstruppen.
1802Aufhebung und Säkularisation.
1809Jean-François Boch erwirbt die Abtei.
1819Abriss der Abteikirche St. Peter.
1836Gründung von Villeroy & Boch.
1921Großbrand in der Abtei.
1976Das Rosenwappen der Abtei wird Gemeindewappen.
1989/90Restaurierung des Alten Turms zum Jubiläum.
seit 2003Wiederbelebte Lutwinus-Wallfahrt.

Quellen und Literatur

  • Raach, Theo: Kloster Mettlach/Saar und sein Grundbesitz. Mainz 1974.
  • Heinz, Andreas: Liutwin. In: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 725.
  • Rausch, Markus E.J.: Lutwinus – Ein Graf aus Mettlach und sein Erbe in Europa. KaRaBu Verlag 2026.
  • Artikel „Abtei Mettlach“, „Alter Turm (Mettlach)“ und „Mettlach“ in der deutschsprachigen Wikipedia (abgerufen Oktober 2026).